Selten war meine Vorfreude auf die Skiferien so gross wie in diesmal. Das Ziel hiess Val d’Anniviers, genauer Zinal. Schon oft verbrachte ich dort die Sportferien, doch noch nie war ich bei so vielversprechenden Schneemengen in meinem "Stammgebiet". Das ganze Val d'Anniviers - zu deutsch Eifischtal - hat seinen eigenen, wilden und natürlichen Charme. Die Zeit scheint nicht nur stehen geblieben zu sein, sie ist es auch, wenn man bedenkt, dass das Tal im Jahr 2000 gleich viele Einwohner zählte wie 150 Jahre zuvor! Nur dank touristischen Erschliessungen konnte die massive Abwanderung gebremst werden.

Bereits die abendliche Anreise ist ein kleines Abenteuer: zuerst meine Premierenfahrt durch den NEAT-Basistunnel am Lötschberg, 2000 Meter unter der Erdoberfläche; und dann die einsame Fahrt hinauf nach Zinal (knapp 1700 m.ü.M.) durch dichten Schneefall bei präkären Strassenverhältnissen. Am Dienstag stehe ich um halb Neun an der Kasse, kaufe den ziemlich günstigen Skipass für das ganze Tal und fahre mit einer der ersten Gondeln der Luftseilbahn hinauf zu den frisch verschneiten Hängen am Sorebois.


morgentlicher Blick hinauf zum Sorebois

Sogleich fühle ich mich wie zu Hause. Es ist schwierig zu sagen, was den speziellen Charakter des Skigebiets ausmacht, wegen dem zahlreiche Stammgäste Winter für Winter nach Zinal kommen. Es könnte das recht anspruchsvolle und baumfreie Gelände sein, aber auch die Nähe aller Lifte zueinander. Vermutlich ist es aber etwas Anderes: Im ganzen Skigebiet befindet man sich im Angesicht der „Couronne impériale“, die Viertausender im Talschluss des Val d’Anniviers, die das Geschehen majestätisch dominieren. Genau zwischen jener Bergkette hindurch treffen mich die ersten Sonnenstrahlen!


Neuschnee!


Bergstation SL Remointze, dahinter der Lift Tsarmettaz

Die Bedingungen könnten nicht besser sein. Die meisten Pisten wurden nicht mehr frisch präpariert, so dass sie von einer herrlich weichen Neuschneeschicht überzogen sind. Nach kurzem Einfahren am Remointze-Lift wählen wir die rechte, äussere Piste am Tsarmettaz. Die Rechnung geht voll und ganz auf, es hatte sich noch niemand in diese Ecke verirrt. So kann ich bei blauem Himmel und Morgensonne die erste Spur in den Neuschnee ziehen, Unter den Kanten spüre ich schwach die härtere Unterlage, darüber kann ich bei blauem Himmel und Morgensonne die erste Spur in den Neuschnee ziehen. Einfach traumhaft!


Skilift Tsarmettaz im Neuschnee


Powdern am SL Tsarmettaz


Blick ins Skigebiet zur 4KSB Chiesso, dahinter die geniale Piste Barthélémy


Zwirbelkurve beim SL Tsarmettaz, im Hintergrund die Viertausender Bishorn, Weisshorn, Zinalrothorn und Obergabelhorn


herrliches Wetter

Danach wechseln wir zum Combe Durand, dem eigentlichen Highlight des Skigebiets. Dieser einsame Lift ohne Wartezeiten liegt in einer eigenen, anspruchsvollen Geländekammer, die unzählige Varianten abseits der Pisten bietet. Lange schon wollte ich einmal hier sein, wenn die Hänge noch nicht durchfahren sind, und nun ist es endlich soweit. Obwohl die Konturen unter der Neuschneeschicht schwach zu erkennen sind, fühle ich sie kaum. Also eine weitere ungestörte Variantenabfahrt!


Startabschnitt des steilen Tellerlifts Combe Durand


SL Combe Durand, das Geilste im Gebiet


gerade genügend Neuschnee


Geländekammer am Combe Durand


Piste Chiesso


Talstation 4KSB Chiesso, der mit dem anderen Sessellift zusammen die zentrale Achse des Skigebiets bildet

Nach unzähligen Wiederholungsfahrten am Combe Durand geht es mit den beiden Sesselliften auf der zentralen Achse hinauf zur Corne de Sorebois, dem höchsten Punkt des Skigebiets. Der breite und steile Hang zwischen Barthélémy und der Corne ist zwar schon einigermassen verfahren, denn heute hatten alle das Gleiche vor. Dennoch finde ich einige unberührte Flächen.


tolle Hänge, leider schnell verfahren

Nach dem Mittagessen im Selbstbedienungsrestaurant Sorebois steht bald die nächste Premiere an: die Piste de Chamois. Eine völlig abgelegene Piste, die vom Skigebiet weg in eine eigene, völlig unverbaute Kammer führt. Ich mag mich nicht erinnern, wann sie letztmals bereits anfangs Februar geöffnet war, jedenfalls war sie bei unseren Aufenthalten stets geschlossen. Nach dem oberen Panorama-Ziehweg folgt das eigentliche Kernstück, wo die Piste schnurgerade 600 Höhenmeter in die Tiefe führt. Zwar liegt dieser Nordhang nun vollständig im Schatten, doch solch leichten Pulverschnee konnte ich schon ewig nicht mehr befahren. Herrlich!


Geländekammer der Piste de Chamois


Piste de Chamois

Eine solche Piste kann natürlich nicht an der Talstation einer 8er-Sesselbahn enden. Nach der interessanten Einfahrt in den Wald geniesse ich die sanfte Fahrt auf dem Skiweg zwischen verschneiten Bäumen hindurch. Nach der Abzweigung des Skiwegs nach Grimentz ist das Gefälle leider zu gering, so dass bis Mottec häufig geschoben werden muss. Von dort aus befördert der Skibus die Passagiere nach Zinal. Der Tag ist natürlich noch nicht vorbei, es geht gleich wieder hinauf ins Skigebiet.


unterer Teil Piste de Chamois


Kreuzung des Sessellifts Chiesso mit dem Skilift Combe


rote Piste Arrête de la Corne

Während ich das Gelände beim Tellerlift Tsarmettaz erkunde, wird der Himmel nach und nach bedeckt. Als letzter Höhepunkt dieses genialen Eröffnungstages folgt die Piste de l’Aigle. Der Steilhang ist zwar mit Buckeln versehen, doch recht griffig zu fahren, so dass er nicht derart herausfordernd ist wie auch schon. Dennoch geht die Fahrt tüchtig in die Beine. So endet um halb Fünf ein Toptag.


Station Sorebois im düsteren Abendlicht


Piste de l'Aigle vor dem Steilhang


Blick hinunter auf der Piste de l'Aigle

Wegen des schlechten Wetters nehme ich es am nächsten Tag gemütlicher – etwas zu gemütlich. Um 9 Uhr 30 staut sich die Schlange an der Luftseilbahn bis zur Strasse hinauf; trotz Schneefall. Doch dies stört hier niemanden, man hat sich daran gewöhnt. Auch mir macht es nichts aus, 40 Minuten zu warten.


Warteschlange an der Talstation auf 1670 m.ü.M.

Die äusseren Bedingungen verändern sich während dem ganzen Tag fast von Minute zu Minute. Aufhellungen, Nebelbanken, Schneefall und Windböen wechseln sich ab und bieten ein reizvolles Naturschauspiel. Die morgendlichen Höhepunkte werden folglich vom veränderlichen Wetter bestimmt: Unangekündigte Aufhellungen mitten während Fahrten auf den steilen Pisten.


Lichtspiel an der Bergstation Combe Durand


Totale der 4SB Corne, die einen steilen Tellerlift ersetzte


Combe Durand zusammen mit seinen Pisten


rote Piste Arrête, mit den neuen Schneilanzen

Trotz den Wetterkapriolen möchte ich um 12 Uhr ins Skigebiet von Grimentz hinüber wechseln und biege auf der Schulter der Corne de Sorebois auf die Piste de Chamois ein. Kaum auf der Krete angekommen werde ich von stürmischen Böen überrascht. Am Boden gilt es zu warten, bis der Wind etwas nachlässt...


oben an der Piste de Chamois


Ziehweg am Ende der Piste de Chamois

Zwei Tage später kehre ich ins Skigebiet von Zinal zurück, doch bis dahin geht es in Grimentz und danach in St.Luc und Chandolin weiter.